Mehr als ein Viertel meines Freiwilligendienstes ist schon
geschafft.
Seit genau 101 Tagen bin ich nun in Ghana, 101 Tage an dem
jeder anders war und etwas anderes mit sich brachte. Aus diesem Grund möchte
ich in diesem Blogeintrag eine kleine Zwischenreflexion veröffentlichen, um
euch zu zeigen, was das Leben hier so mit sich bringt, inwiefern es sich vom
deutschen Alltag unterscheidet und was mich hier prägt.
Alle Erlebnisse und Eindrücke, die ich hier übermittle, sind
subjektiv. Das heißt ich beschreibe euch, wie genau ich Ghana erlebe und was
ich persönlich wahrnehme. Dieses Bild ist von meinen eigenen Werten und meinem
Charakter geprägt. Jeder Mensch verarbeitet
erlebte Situationen anders und nimmt sie anders wahr, deshalb sollten all die
folgenden Eindrücke keinesfalls pauschalisiert, auf ganz Ghana geschweige denn
ganz Afrika übertragen werden.
Woran ich mich nach 101 Tagen gewöhnt habe:
Ghanaer sind grundsätzlich nie pünktlich. Egal ob sie eine
Uhr tragen oder nicht, Pünktlichkeit wird einfach nicht großgeschrieben. ´Ein
Moment´ wird mal kurz zu einer Stunde, 30 Minuten dann eben zwei Stunden. Diese
Eigenschaft als pünktlicher Deutscher zu akzeptieren, braucht seine Zeit aber
man kann sich damit arrangieren. Man muss die Zeit, die man mit Warten
verbringt eben anderweitig nutzen. Die Stunden, die ich bisher schon mit Warten
verbracht habe, hätte ich locker dazu nutzen können, mein komplettes Abitur
nochmal zu schreiben und dazu noch von Ghana bis nach Togo zu laufen.
Einhergehend mit dem etwas anderen Zeitgefühl ist die lockere Handhabung von
Verabredungen oder dienstlichen Vereinbarungen. Eine ghanaische Angewohnheit
ist es, niemals ´Nein´ zu etwas zu sagen. Wenn man etwas nicht möchte oder an
einem Termin nicht kann, dann sagt man eben `Vielleicht´ oder `Ja, morgen
dann`. Daher kann man sich selten sicher sein, ob ein Treffen jetzt stattfindet
oder ein Auftrag erledigt wird. Dagegen hilft nur hundert Mal anrufen und den
Menschen hinterher telefonieren. Die meisten Angelegenheiten, die unsere
gesamte ViA- Gruppe betreffen, versuche ich daher zu regeln, wie beispielsweise
die Gruppentreffen organisieren, alle Pässe für die Permits einsammeln und so
weiter.
Grundsätzlich bin ich bisher nur offenen und sehr
freundlichen Ghanaern begegnet. Auch wenn die ein oder andere Marktfrau nicht
gerade die gesprächigste ist, findet man überall eine Person, die einem
weiterhelfen kann, den Weg zeigt oder uns Weiße vor teilweise betrügenden
Verkäufern bewahrt. Da Cape Coast
bekannt ist dafür, dass hier viele Europäer und Amerikaner einen
Freiwilligendienst leisten oder einfach nur Urlaub machen, sind die
Einheimischen oft im Glauben, Geld von uns Weißen einsammeln zu können. Vor
allem die Kinder auf der Straße und am Strand testen es nahezu täglich, ob wir
ihnen nicht doch einen Cedi (umgerechnet ca. 25 Cent) geben können oder ihnen
ein Wasser kaufen. Die Älteren, vor allem die ghanaischen Männer, versuchen
hingegen durch Heiratsanträge und ähnliches mit uns nach Deutschland einreisen zu
können oder einfach nur an Anerkennung zu gelangen. Inzwischen habe ich mich
daran gewöhnt, ständige Heiratsanträge und zu intime Gespräche abzuwimmeln. Was
mich dabei etwas beschäftigt ist die Tatsache, dass es äußerst schwer ist, sich
ohne spezielle Absichten mit Ghanaern in meinem Alter zu unterhalten. Eine
Freundschaft aufzubauen ist nahezu unmöglich, da alle mir bisher begegneten
Ghanaer immer mehr als Freundschaft wollten. Um sich einfach einmal mit einer
ghanaischen Frau zu unterhalten, braucht es ebenfalls ein gutes Gespür. Die meisten
Menschen, denen man täglich auf der Straße begegnet, sind Männer. Die Frauen arbeiten
auf dem Markt oder sind zu Hause und arbeiten dort, junge erwachsene Männer
hingegen chillen auf der Straße.
Das Essen und die Hitze sind für mich inzwischen auch
ertragbar. Die Schärfe hat es teilweise immer noch in sich, der Mund brennt,
der Schweiß läuft aber es schmeckt richtig gut. Meine Lieblingsspeise sind
inzwischen Fufu mit Grounutsoup und Plantain. Auch wenn die Regenzeit jetzt
komplett vorbei ist und die Trockenzeit beginnt, in der die Luftfeuchtigkeit so
trocken werden soll, dass man sich täglich mehrmals eincremen muss und die
Temperaturen weiter steigen, habe ich mich daran gewöhnt, ständig
nassgeschwitzt zu sein. Wichtigster Begleiter tagtäglich ist daher mein
Schweißtuch! Ohne dieses Tuch geht hier in Ghana fast nichts. Erfreulicherweise
schwitzen die Einheimischen genauso viel wie wir Deutschen. Ganz komisch wird es jedoch, in dieser Hitze
Weihnachten zu feiern, daran kann ich mich glaube ich nicht gewöhnen-
Weihnachten ohne Schnee, Plätzchen und einen richtigen Tannenbaum?!
| Wie fällt man in Cape Coast auf?- Backpacker Rucksack mit zwei Bananen mitten in der Nach durch die Stadt tragen! |
An was ich mich bisher noch nicht gewöhnen konnte:
Auch wenn mein Alltag inzwischen routiniert abläuft und ich
mich so richtig wohlfühle, gibt es einige Dinge, die ich bisher nicht verstehe
und meiner Meinung nach nach diesem Jahr immer noch kritisch betrachte. Es ist
sehr schwierig ein möglichst objektives Bild zu vermitteln, das auch die von
den Ghanaern gesehenen Vorteile belichtet. Jeden Tag werden in den ghanaischen
Schulen (vor allem in den staatlichen) die Schüler von den Lehrern mit einem
Schlagstock geschlagen. Die Gründe dafür sind sehr verschieden: Mal hat der
Schüler die falsche Farbe an Socken an, mal ist die Matheaufgabe falsch gelöst,
ein anderes Mal konnte das Geld für die Kirche nicht bezahlt werden oder der
Schüler stand einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Manchmal denke ich
mir, dass man als Schüler eigentlich nichts wirklich richtig machen kann. Wie
kann man ständig in der Angst leben, von dem Lehrer noch einen Schlag auf die
Schenkel, den Rücken, die Hände oder den Hintern zu bekommen? Die Angst steht
den Schülern leider ins Gesicht geschrieben: Sie meiden den Blickkontakt zu ihren
Lehrern und antworten auf Fragen des Lehrers im Flüsterton. Ich habe schon mit
einigen Personen über dieses Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern geredet.
Respekt vor einer Autoritätsperson bedeutet in meiner Schule Angst vor dem
Lehrer zu haben, der Diener zu sein, denn es ist eine Ehre für die Schüler,
dass sie von Lehrern unterrichtet werden- täglich danken sie in ihren Gebeten
Gott dafür, dass sie die Ehre haben in die Schule zu kommen und unterrichtet zu
werden, auch wenn der Unterricht meiner Meinung nach dringend überdacht werden
sollte. Das Schulsystem allgemein zweifle ich stark an, auch wenn das
ghanaische System auch Vorteile mit sich bringt, wie beispielsweise die
sechsjährige Grundschule. Um wieder auf den Punkt zu kommen, das Schlagen an
den Schulen soll die Schüler erziehen, sie bestrafen, wenn sie etwas falsch
gemacht haben und sie zum Lernen motivieren. Ich sehe das anders und kämpfe
deshalb täglich gegen die Tränen, wenn die Schüler vor allem vor meinen Augen
geschlagen werden, sie dann angeschrien werden nicht zu weinen, um keine
Schwäche zu zeigen, und falls sie weinen nochmals geschlagen werden.
Ein ganz anderer Punkt über den ich mich noch immer sehr
wundere, ist die verschwenderische Art, mit denen die Ghanaer beispielsweise
mit Wasser umgehen. Ordnung und Sauberkeit sind hier sehr groß geschrieben.
Ganz wichtig hierbei: das Auto/ Taxi muss täglich geputzt werden- auch bei
Wasserausfall. Dass Gegenstände hier schnell dreckig werden, daran habe ich
mich inzwischen gewöhnt, dennoch nutzt man das wertvolle Wasser lieber dazu,
seine Felgen glänzend zu reinigen, anstatt es für wichtigere Dinge zu sammeln.
In einem meiner ersten Einträge habe ich davon berichtet, dass morgens ab fünf
Uhr um jedes Haus gekehrt wird. Egal ob man die Wiese, den Schotterweg oder die
Einfahrt mit Kieselsteinen kehrt, man kehrt meist den Dreck von der einen Seite
auf die andere- den Sinn hierbei habe ich auch noch nicht ganz verstanden. Noch
unnötiger ist jedoch das morgendliche Aufsammeln von Müll. Ja, es gibt wenige
Mülleimer hier in Cape Coast, aber es gibt welche, vor allem in der Schule.
Dennoch wirft nahezu jeder Ghanaer seinen Müll tagsüber einfach auf die Straße,
um ihn dann am nächsten Morgen, in der Schule noch vor der Assembly,
zusammenzukehren und in die Mülltonne zu kippen- warum einfach, wenn es auch
kompliziert geht?!
| Kleiner Auflug nach Kissi ins Baobab Zentrum |
Auch wenn das Ende dieses Eintrags jetzt vielleicht etwas
negativ klingt, Ghana ist ein wunderschönes Land, es gibt so unglaublich viel
zu entdecken und zu erleben. Ich fühle mich hier richtig wohl und möchte keine
Sekunde meiner bisherigen 101 Tage missen. Ich freue mich, in 8 Monaten wieder
nach Deutschland zu fliegen, aber noch
viel mehr freue ich mich auf jeden noch kommenden Tag hier im Paradies Ghana!
Ganz liebe ´weihnachtliche ´Grüße,
Eure Lisa
| Fremdes Zimmer- na und man kann gut drin schlafen! |
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