Sonntag, 4. Dezember 2016

1/4 Check!

Mehr als ein Viertel meines Freiwilligendienstes ist schon geschafft.
Seit genau 101 Tagen bin ich nun in Ghana, 101 Tage an dem jeder anders war und etwas anderes mit sich brachte. Aus diesem Grund möchte ich in diesem Blogeintrag eine kleine Zwischenreflexion veröffentlichen, um euch zu zeigen, was das Leben hier so mit sich bringt, inwiefern es sich vom deutschen Alltag unterscheidet und was mich hier prägt.
Alle Erlebnisse und Eindrücke, die ich hier übermittle, sind subjektiv. Das heißt ich beschreibe euch, wie genau ich Ghana erlebe und was ich persönlich wahrnehme. Dieses Bild ist von meinen eigenen Werten und meinem Charakter geprägt.  Jeder Mensch verarbeitet erlebte Situationen anders und nimmt sie anders wahr, deshalb sollten all die folgenden Eindrücke keinesfalls pauschalisiert, auf ganz Ghana geschweige denn ganz Afrika übertragen werden.

Woran ich mich nach 101 Tagen gewöhnt habe:

Ghanaer sind grundsätzlich nie pünktlich. Egal ob sie eine Uhr tragen oder nicht, Pünktlichkeit wird einfach nicht großgeschrieben. ´Ein Moment´ wird mal kurz zu einer Stunde, 30 Minuten dann eben zwei Stunden. Diese Eigenschaft als pünktlicher Deutscher zu akzeptieren, braucht seine Zeit aber man kann sich damit arrangieren. Man muss die Zeit, die man mit Warten verbringt eben anderweitig nutzen. Die Stunden, die ich bisher schon mit Warten verbracht habe, hätte ich locker dazu nutzen können, mein komplettes Abitur nochmal zu schreiben und dazu noch von Ghana bis nach Togo zu laufen. Einhergehend mit dem etwas anderen Zeitgefühl ist die lockere Handhabung von Verabredungen oder dienstlichen Vereinbarungen. Eine ghanaische Angewohnheit ist es, niemals ´Nein´ zu etwas zu sagen. Wenn man etwas nicht möchte oder an einem Termin nicht kann, dann sagt man eben `Vielleicht´ oder `Ja, morgen dann`. Daher kann man sich selten sicher sein, ob ein Treffen jetzt stattfindet oder ein Auftrag erledigt wird. Dagegen hilft nur hundert Mal anrufen und den Menschen hinterher telefonieren. Die meisten Angelegenheiten, die unsere gesamte ViA- Gruppe betreffen, versuche ich daher zu regeln, wie beispielsweise die Gruppentreffen organisieren, alle Pässe für die Permits einsammeln und so weiter.
Grundsätzlich bin ich bisher nur offenen und sehr freundlichen Ghanaern begegnet. Auch wenn die ein oder andere Marktfrau nicht gerade die gesprächigste ist, findet man überall eine Person, die einem weiterhelfen kann, den Weg zeigt oder uns Weiße vor teilweise betrügenden Verkäufern bewahrt.  Da Cape Coast bekannt ist dafür, dass hier viele Europäer und Amerikaner einen Freiwilligendienst leisten oder einfach nur Urlaub machen, sind die Einheimischen oft im Glauben, Geld von uns Weißen einsammeln zu können. Vor allem die Kinder auf der Straße und am Strand testen es nahezu täglich, ob wir ihnen nicht doch einen Cedi (umgerechnet ca. 25 Cent) geben können oder ihnen ein Wasser kaufen. Die Älteren, vor allem die ghanaischen Männer, versuchen hingegen durch Heiratsanträge und ähnliches mit uns nach Deutschland einreisen zu können oder einfach nur an Anerkennung zu gelangen. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, ständige Heiratsanträge und zu intime Gespräche abzuwimmeln. Was mich dabei etwas beschäftigt ist die Tatsache, dass es äußerst schwer ist, sich ohne spezielle Absichten mit Ghanaern in meinem Alter zu unterhalten. Eine Freundschaft aufzubauen ist nahezu unmöglich, da alle mir bisher begegneten Ghanaer immer mehr als Freundschaft wollten. Um sich einfach einmal mit einer ghanaischen Frau zu unterhalten, braucht es ebenfalls ein gutes Gespür. Die meisten Menschen, denen man täglich auf der Straße begegnet, sind Männer. Die Frauen arbeiten auf dem Markt oder sind zu Hause und arbeiten dort, junge erwachsene Männer hingegen chillen auf der Straße.
Das Essen und die Hitze sind für mich inzwischen auch ertragbar. Die Schärfe hat es teilweise immer noch in sich, der Mund brennt, der Schweiß läuft aber es schmeckt richtig gut. Meine Lieblingsspeise sind inzwischen Fufu mit Grounutsoup und Plantain. Auch wenn die Regenzeit jetzt komplett vorbei ist und die Trockenzeit beginnt, in der die Luftfeuchtigkeit so trocken werden soll, dass man sich täglich mehrmals eincremen muss und die Temperaturen weiter steigen, habe ich mich daran gewöhnt, ständig nassgeschwitzt zu sein. Wichtigster Begleiter tagtäglich ist daher mein Schweißtuch! Ohne dieses Tuch geht hier in Ghana fast nichts. Erfreulicherweise schwitzen die Einheimischen genauso viel wie wir Deutschen.  Ganz komisch wird es jedoch, in dieser Hitze Weihnachten zu feiern, daran kann ich mich glaube ich nicht gewöhnen- Weihnachten ohne Schnee, Plätzchen und einen richtigen Tannenbaum?!

Wie fällt man in Cape Coast auf?- Backpacker Rucksack mit zwei Bananen mitten in der Nach durch die Stadt tragen!

An was ich mich bisher noch nicht gewöhnen konnte:

Auch wenn mein Alltag inzwischen routiniert abläuft und ich mich so richtig wohlfühle, gibt es einige Dinge, die ich bisher nicht verstehe und meiner Meinung nach nach diesem Jahr immer noch kritisch betrachte. Es ist sehr schwierig ein möglichst objektives Bild zu vermitteln, das auch die von den Ghanaern gesehenen Vorteile belichtet. Jeden Tag werden in den ghanaischen Schulen (vor allem in den staatlichen) die Schüler von den Lehrern mit einem Schlagstock geschlagen. Die Gründe dafür sind sehr verschieden: Mal hat der Schüler die falsche Farbe an Socken an, mal ist die Matheaufgabe falsch gelöst, ein anderes Mal konnte das Geld für die Kirche nicht bezahlt werden oder der Schüler stand einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Manchmal denke ich mir, dass man als Schüler eigentlich nichts wirklich richtig machen kann. Wie kann man ständig in der Angst leben, von dem Lehrer noch einen Schlag auf die Schenkel, den Rücken, die Hände oder den Hintern zu bekommen? Die Angst steht den Schülern leider ins Gesicht geschrieben: Sie meiden den Blickkontakt zu ihren Lehrern und antworten auf Fragen des Lehrers im Flüsterton. Ich habe schon mit einigen Personen über dieses Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern geredet. Respekt vor einer Autoritätsperson bedeutet in meiner Schule Angst vor dem Lehrer zu haben, der Diener zu sein, denn es ist eine Ehre für die Schüler, dass sie von Lehrern unterrichtet werden- täglich danken sie in ihren Gebeten Gott dafür, dass sie die Ehre haben in die Schule zu kommen und unterrichtet zu werden, auch wenn der Unterricht meiner Meinung nach dringend überdacht werden sollte. Das Schulsystem allgemein zweifle ich stark an, auch wenn das ghanaische System auch Vorteile mit sich bringt, wie beispielsweise die sechsjährige Grundschule. Um wieder auf den Punkt zu kommen, das Schlagen an den Schulen soll die Schüler erziehen, sie bestrafen, wenn sie etwas falsch gemacht haben und sie zum Lernen motivieren. Ich sehe das anders und kämpfe deshalb täglich gegen die Tränen, wenn die Schüler vor allem vor meinen Augen geschlagen werden, sie dann angeschrien werden nicht zu weinen, um keine Schwäche zu zeigen, und falls sie weinen nochmals geschlagen werden.
Ein ganz anderer Punkt über den ich mich noch immer sehr wundere, ist die verschwenderische Art, mit denen die Ghanaer beispielsweise mit Wasser umgehen. Ordnung und Sauberkeit sind hier sehr groß geschrieben. Ganz wichtig hierbei: das Auto/ Taxi muss täglich geputzt werden- auch bei Wasserausfall. Dass Gegenstände hier schnell dreckig werden, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt, dennoch nutzt man das wertvolle Wasser lieber dazu, seine Felgen glänzend zu reinigen, anstatt es für wichtigere Dinge zu sammeln. In einem meiner ersten Einträge habe ich davon berichtet, dass morgens ab fünf Uhr um jedes Haus gekehrt wird. Egal ob man die Wiese, den Schotterweg oder die Einfahrt mit Kieselsteinen kehrt, man kehrt meist den Dreck von der einen Seite auf die andere- den Sinn hierbei habe ich auch noch nicht ganz verstanden. Noch unnötiger ist jedoch das morgendliche Aufsammeln von Müll. Ja, es gibt wenige Mülleimer hier in Cape Coast, aber es gibt welche, vor allem in der Schule. Dennoch wirft nahezu jeder Ghanaer seinen Müll tagsüber einfach auf die Straße, um ihn dann am nächsten Morgen, in der Schule noch vor der Assembly, zusammenzukehren und in die Mülltonne zu kippen- warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?!

Kleiner Auflug nach Kissi ins Baobab Zentrum

Auch wenn das Ende dieses Eintrags jetzt vielleicht etwas negativ klingt, Ghana ist ein wunderschönes Land, es gibt so unglaublich viel zu entdecken und zu erleben. Ich fühle mich hier richtig wohl und möchte keine Sekunde meiner bisherigen 101 Tage missen. Ich freue mich, in 8 Monaten wieder nach Deutschland zu fliegen, aber  noch viel mehr freue ich mich auf jeden noch kommenden Tag hier im Paradies Ghana!
Ganz liebe ´weihnachtliche ´Grüße,
Eure Lisa





Fremdes Zimmer- na und man kann gut drin schlafen!



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